Episode 7: Was hat denn bloß Folklore mit Fremdsprachenerwerb zu tun?
Auch in dieser Episode möchte ich noch einmal auf den Zusammenhang von Sprache, Kultur und Literatur zurückkommen (s. Episode 6). Gleichzeitig möchte ich daran erinnern, worum es bei Kommunikation letztendlich geht: Um den Austausch von Menschen untereinander. Dieser Austausch wird von einem Gebiet geprägt, das gerne ausgeblendet wird, nämlich von der allgegenwärtigen Kultur dieser Menschen.
Kontakt zu Anderen brauchen wir wie die Luft zum Atmen. Aber unsere Kommunikation hat sich drastisch gewandelt. Mit den Möglichkeiten sind auch die Ansprüche gestiegen. Wenn KI Kommunikation optimiert, ist sie ein sinnvolles Hilfsmittel, kann Barrieren senken und Abläufe vereinfachen. Aber sie fördert auch unrealistischen Perfektionismus und kann damit Barrieren aufbauen, statt zu überwinden. Ungefilterte mündliche Kommunikation können wir Menschen seit vielen Jahrtausenden. Fehler beim Sprechen sind normal – Perfektionismus beim Fremdsprachenerwerb ist ein Handicap! (Ich empfehle hierzu den englischen Blogartikel von Katie Salter: https://learnenglishwithkatie.substack.com/p/dont-panic-when-native-speakers-break-the-rules)
Denn natürlich gehören auch gemeinsames Arbeiten an Berührungsängsten, Klären von Missverständnissen und Teilen von Wissen zur Kommunikation und wirken sich positiv auf unsere Beziehungen und unser Wohlbefinden aus. Schon dem Austausch über unterschiedliche Kulturen kommt in diesem Sinne eine wichtige Rolle im fremdsprachlichen Kontakt zu. Denn es geht nicht immer nur um die Inhalte („Das ist eine Erdbeere – sie heißt auf Englisch ‚strawberry‘!“ [wörtlich: Strohbeere]), sondern auch um den Kanal, auf dem gesendet wird und mit dem wir uns erklären und Interesse signalisieren („Bei meiner Beere ist wichtig, dass sie auf dem Boden wächst. Bei Deiner Beere ist wichtig, dass sie traditionell mit Stroh gemulcht wird. Oder, dass die Ausläufer wie Strohhalme aussehen?“).
Einblicke in Tagespolitik und aktuelle Kultur erfordern Dauereinsatz
Natürlich ist es immer gut, wenn man sich in aktuellen Themen der Zielsprache auskennt. Aber diese Art von Spezialwissen ist kurzlebig. Neulich witzelte z.B. eine Bekannte bei einem seltenen Gespräch auf der Straße, sie fröne durch diesen Plausch ja wohl ihrem Lifestyle. Sonst ist diese Bekannte immer in Eile, weil sie neben einem anspruchsvollen Teilzeit-Job (viel Arbeit, wenig Rentenansprüche) die Karriere ihres Mannes unterstützt, indem sie ein Heim schafft und die Familienarbeit leistet, also u.v.a. die Kinder großzieht und hilfsbedürftige Eltern betreut. Das alles neben sozialem Engagement (natürlich unbezahlt). Ihre Bemerkung bezog sich auf die Diskussion Anfang des Jahres, als Bundeskanzler Merz (CDU) sich gegen „Lifestyle-Teilzeit“ aussprach und dabei Teilzeitarbeitende indirekt als faul und schädlich für die deutsche Wirtschaft hingestellt wurden. Das Wort ‚Lifestyle‘ war für ein paar Monate in aller Munde. Eine Person, die eine Anspielung wie die meiner Bekannten in einer Fremdsprache versteht, darf sehr stolz auf sich sein. Derartiges Verständnis beweist gutes Sprachwissen und Einblick in die aktuelle politische Situation des Ziellandes - und es bedarf ständiger Aktualisierung. Dankbarer ist dagegen ein Blick auf den Volksmund.
Was nämlich häufig verkannt wird, ist, dass mit Kultur nicht nur die sichtbaren und hochgeschätzten Kunstformen gemeint sind, wie Literatur, Kunst, klassische Musik, sondern all die kleinen alltäglichen Eigenheiten, die den gemeinsamen Charakter einer Gemeinschaft ausmachen. Da gibt es beispielsweise eine Fülle unausgesprochener Konventionen, wie das Wissen, ob ein ‚Nein‘ so Tabu ist, dass es in einem verneinenden ‚Ja‘ versteckt wird. Oder ob ein ‚Nein‘ die Antwort auf ein schwieriges Anliegen ist, das unbequem viel Aufwand erfordert, aber trotzdem indirekt - und mit Hinweis auf die Zumutung - mit dem ‚Nein‘ bejaht wird. Dasselbe Wort kann gegenteilige Bedeutungen haben. Hierüber ein andermal.
Auch die große Sammlung vorwiegend mündlicher Kleintexte, die zum Gebiet der Folklore gezählt werden, bilden eine großen, aber oft unterschätzten sprachlichen Fundus für kulturspezifisches Wissen. Für die Nutzung folkloristischer Textsorten im Fremdsprachenerwerb möchte ich hiermit eine Lanze brechen.
Folklore – ein unspektakuläres aber äußerst lohnenswertes Themengebiet
Unter dem Begriff Folklore werden vielfältige Erscheinungen des immateriellen kulturellen Erbes von Gemeinschaften zusammengefasst. Dies fängt mit Volkstänzen und Ritualen an und reicht über die damit verbundenen Gebäude und Kleidungstraditionen bis hin zu einer Vielfalt an mündlichen und schriftlichen Textsorten. Dazu gehören Witze, Rätsel, Märchen, Gruselgeschichten, Mythen, Sprichwörter, Kinderreime und -lieder.
Dieses Lied erinnere ich aus den 1970ern. Zwei Kinder stellen mit ausgestreckten Händen eine Brücke dar, durch die die anderen beim Singen spazieren müssen. Beim Wort ‚fangen‘ wird die Brücke zur Falle.
Meine Tochter liebte das Spiel und erzählte in ihrem Berliner Kindergarten sehr ernst, sie sei ‚mit Spießen und mit Stangen gefangen und gehauen‘ worden. Ich wurde diskret ausgefragt, was es damit auf sich hatte: In Berlin war das Lied unbekannt …
Folklore ist ein relativ stabiler und weit verbreiteter Kulturbereich
Abgesehen vom naheliegenden und universellen Bereich Essen und Trinken ist Folklore für mich das Gebiet, in das Sprachinteressierte Energie investieren sollten. (Natürlich gibt es auch folkloristische Texte mit Essensbezug, s. Episode 3 zu Bohnenverzehr und Flatulenzhumor.) Folkloristische Texte sind nicht nur unterhaltsam, sondern liefern leichten und andauernden Zugang zu wichtigen kulturellen Bereichen. Sie sind langlebiger ist als Tagespolitik und Popkultur. Durch sie erschließt sich nicht nur die gegenwärtige Sprache, sondern auch eine ganze Tradition vergangener Bezugnahmen auf die Kurztexte, die oft sehr alt sind.
Kinderlieder und Märchen enthalten konzentriertes gemeinsames Wissen
Die Verbreitung der unauffälligen, kurzen folkloristischen Texte ist wesentlich größer, als es zunächst den Anschein haben mag. Oft werden sie belächelt und die Forschung nahm sie erst vergleichsweise spät wahr. Aber die Reichweite ihrer Verbreitung wird schnell offensichtlich, wenn man erst einmal auf sie aufmerksam geworden ist: Während Werke aus dem hohen Literaturkanon, nehmen wir mal Goethes Faust oder Shakespeares Hamlet, erst durch längere Schulbildung vermittelt werden und relativ exklusiv sind, haben die oft mündlichen Texte der Folklore etwas universell Verbindendes. So haben wir fast alle im Kindergarten oder in der Grundschule, zuhause oder von anderen Kindern Kinderreime und -lieder kennengelernt und Witze und Märchen oder Gruselgeschichten erzählt bekommen bzw. uns gegenseitig erzählt. Diese Textsorten bilden deshalb einen großen Schatz an weit verbreitetem, kulturell geteiltem Wissen, das häufiger als gedacht im Alltag zur Sprache kommt.
Friedrich Nietzsche (Werke in drei Bänden. München 1954, Band 1, S. 837. Nach: http://www.zeno.org/nid/2000923909X, 21.05.2026).
Aus der gesprochenen Sprache findet Folklore dann auch den Weg in die Literatur, die diesen Alltag verarbeitet. So zitiert schon Shakespeare in seiner Tragödie König Lear (Akt 3, Szene 4, ca. 1605 entstanden) mit „Fie, foh, and fum, I smell the blood of a British man“ das Märchen von Hans und der Bohnenranke um eine schreckliche Bedrohung heraufzubeschwören. Über die kulturell weit verbreiteten unscheinbaren Texte der Folklore kann mit wenigen Worten komplexes Wissen wachgerufen werden. Gleichzeitig bekommt die Zuhörerschaft ein Gefühl von Gemeinschaft. Damit ist die Vermittlung solchen Wissens auch hochrelevant für die Integration von Einwandernden in ihre neue Heimat. Nehmen wir zum Beispiel die nach wie vor beliebte Form des Märchens.
Zum Beispiel das deutsche Märchen Hänsel und Gretel
Im Deutschen kann mit nur drei Worten „Knusper, knusper, knäuschen!“ (ein Spiel um das Verb knuspern) das Bild der beiden Kinder Hänsel und Gretel aus dem Grimm’schen Märchen hervorgerufen werden, wie sie am Knusperhäuschen der Hexe stehen und von den Lebkuchen naschen, aus denen das Häuschen gemacht ist (in älteren Versionen ist das Haus aus Brot, die Fenster sind aus Zucker). Der weitere Kontext des Zitats bestimmt dann, ob und welche weiteren Elemente des Märchens noch durch die zitierende Person aktiviert werden sollen.
Hänsel und Gretel vorm Lebkuchenhaus (Otto Kubel, 1930. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%A4nsel_und_Gretel).
Es könnte zum Beispiel eine Androhung von Strafe sein (Hänsel landet hinter Gittern und ihm droht, von der Hexe gebacken und verspeist zu werden), auf die durch das Zitat hingewiesen werden soll. Aber auch positivere Deutungen sind möglich, die verirrten, hungrigen Kinder bekommen schließlich zunächst leckere Knabbereien und bringen am Ende Perlen und Edelsteine in ihr armes Elternhaus mit. Im Projekt Gutenberg ist der Text als Kapitel 69 der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm (Verlag: Hille u. Partner) zu finden: https://projekt-gutenberg.org/authors/brueder-grimm/books/kinder-und-hausmaerchen-2/chapter/69/.
Zum Beispiel das englische Märchen Die drei kleinen Schweinchen
Wenn im Englischen auf eine Bitte oder Aufforderung mit „Not by the hair of my chinny chin chin!“ geantwortet wird, (wörtlich etwa: ‚Nein, beim Haar meines kinnigen Kinn-Kinns!‘) so ist dies zunächst eine klare Absage. Zitiert wird das lautspielerisch formulierte, im Märchen dreimal vorkommende Nein der drei kleinen Schweinchen auf die Bitte des Wolfes um Einlass in ihr Haus. Der Kontext des Zitats zeigt dann, ob diese Absage nicht ernst genommen und weggefegt wird, wie die beiden ersten Häuser aus Stroh und Holz vom Pusten des Wolfes. Eine andere Einbettung des Zitats könnte warnend darauf hinweisen, dass das dritte Haus aus Stein der Anfrage entgegensteht und der Anfragende, wie der böse Wolf am Ende selber zu einem schlimmen Ende kommt. Das wird erst aus dem Kontext ersichtlich, in dem dieses Zitat verwendet wird. Aber es gilt: Wenige Worte transportieren eine komplexe Bedeutung!
Hier der Link zum Projekt Gutenberg, das die englische Version des Märchens mit den charmanten und berühmten Bildern von Leonard Leslie Brooke zur Verfügung stellt: https://www.gutenberg.org/files/18155/18155-h/18155-h.htm.
Leonard Leslie Brooke (1905): Three Little Pigs - and mother sow. (Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/The_Three_Little_Pigs).
Es gibt übrigens einen preisgekrönten Werbespot der Zeitung The Guardian (von 2012), der zahllose Anspielungen auf das Märchen in Zusammenhang mit der damaligen britischen Politik enthält: https://www.youtube.com/watch?v=vDGrfhJH1P4. Das Video verdeutlicht die andauernde Gegenwart von Folklore auf wunderbare Weise!
Genau wie das Lernen von Vokabeln (mitsamt kulturspezifischen Bedeutungen und Konnotationen), von Grammatik und von Literaturen ist es also zum tieferen Eintauchen in eine andere Sprache wichtig, Gebräuche und Interessen und eben auch die Folklore einer Sprachgemeinschaft kennenzulernen. Was natürlich zunächst einmal eine Investition in verschiedene Lerntechniken bedeutet: sich mit Texten auseinandersetzen (inklusive Musik und Film) und die Folkloreelemente aufspüren, Vokabeln in ihrem Kontext verstehen, Stichwörter recherchieren, sich mit anderen austauschen, ... Idealerweise in Gemeinschaft angeleitet von erfahrenen und inspirierenden Lehrpersonen. Hier hat KI als Handwerkszeug ihren Platz, wenn es darum gilt, langweilige Rechercheaufgaben zu erleichtern und tagespolitische oder literarische Anspielungen aufzuspüren: KI leistet Suchhilfe, also kognitive Unterstützung. Aber wenn es um echtes Verständnis geht, brauchen wir dazu ein eigenes Repertoire an Wissen, auf das wir aufbauen können. Deshalb lässt sich auch Vokabel lernen einfach nicht umgehen, das müssen wir selber!
Schule im Jahr 2000 (Entweder Jean-Marc Côté 1901 oder Villemard 1910). Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/En_L%27An_2000).
Kommunikation über Sprachgrenzen hinweg motiviert, fördert Gemeinschaft, übt und integriert
Beglückender Nebeneffekt ist dabei die Interaktion mit anderen Menschen – analog oder indirekt beim Lesen und Recherchieren der gewählten Texte. Schon dabei kann ein innerer Dialog mit früheren Generationen beginnen. Besonders spannend wird es aber im aktiven, lebendigen Austausch. Dieser Austausch liefert seinerseits positives Feedback beim bereichernden Teilen von Wissen und Austausch über Interessen und belohnt durch wachsende Motivation und Gemeinschaft.
Meine eigenen Edutainment-Veranstaltungen zu britischer Kultur und Literatur verbinde ich gerne mit kulinarischen Genüssen und gärtnerischen Aktivitäten, weil gemeinsames Essen und Trinken und im Garten wühlen Spaß macht und der Austausch bei praktischen Aktivitäten leichter fällt und verbindet (Link: https://www.swiftlinguistik.de/veranstaltungen). Dabei zählt nicht, wie gut die Teilnehmenden in Grammatik und Aussprache sind, sondern wie erfolgreich sie die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel zur Verständigung einsetzen – gerne auch kreativ statt regelkonform. Fehler sind dann ein Anlass zum Lachen – miteinander, nicht übereinander.
Auch für Geschäftsleute ist so etwas eine wichtige Erfahrung, die im Alltag entlastet: Sich-Verständigen-Können und das Erleben von Gemeinschaft sind das Ziel. Nicht Perfektion des Ausdrucks. Um diese Aspekte der Kommunikation bringen wir uns, wenn wir KI so nutzen, dass wir echten menschlichen Austausch immer weniger erfahren und uns neben der Übung auch Geduld bzw. Frustrationstoleranz bei Fehlern abhandenkommen.
Die meisten Menschen beantworten übrigens mit Vergnügen Fragen über ihre Sprache. Sie teilen gerne ihr Wissen über die eigene Kultur und freuen sich über Interesse daran. Das ist schließlich Kommunikation in ihrem eigenen Kompetenzbereich! (Und, mal ehrlich, gefragt sein – das tut einfach gut.) Bei solchen Gesprächen gewinnen Fremdsprachenlernende jedes Mal ein kleines Bisschen Zugehörigkeit zur Zielkultur – etwa beim gemeinsamen Lachen über eine kulturspezifische Anspielung oder einen Witz, auch wenn diese vielleicht erst erklärt werden mussten. Ein schönes Gefühl.
Wenn Ihr neugierig geworden seid, was es mit dem Satz „Fee-fi-fo-fum!“ auf sich hat und Ihr grade in der Nähe seid, verabredet Euch doch für einen literarischen Afternoon Tea mit mir im Garten. Dann erzähle ich Euch das Märchen von Jack and the Beanstalk. Oder schaut Ende Oktober vorbei, wenn meine ehemalige Volkstanzgruppe Rag Morris in Springe zu Besuch sein wird (https://ragmorris.com/). – Wenn Ihr weiter weg wohnt: Traut Euch doch mal, Euch einen Witz in Eurer Zielsprache erzählen zu lassen.
Und wenn Ihr die Pointe erst erklärt bekommen müsst, auch nicht schlimm: Wieder ‘was gelernt!
