Episode 6: Eine Sprache lernen ist mehr als das Lernen von Vokabeln und Grammatik
Eine Sprache (in ihrem Kontext) sprechen lernen vs. eine Sprache studieren
Als ich vor dreißig Jahren in Hamburg begann Spanisch und Englisch zu studieren, hieß mein Magisterstudium „Studium der Sprache, Kultur und Literatur“. Alle drei Bereiche gehörten untrennbar zusammen, trotz Konkurrenz zwischen Literatur- und Sprachwissenschaft. Eigene kulturwissenschaftliche Studiengänge waren damals noch selten. Heute fällt mir zunehmend auf, dass trotz brillanter (multi)medialer Lehrmaterialien der wesenhafte Zusammenhang zwischen Sprache, Kultur und Literaturen aus dem Blickfeld gerät. Dazu kommt, dass der Enthusiasmus über die Möglichkeiten von KI die Komplexität und Kontextabhängigkeit von Sprache vergessen lässt. Kompliziertes scheint einfach. In vielen Kontexten ein Zugewinn, früher scheinbar unüberwindliche Barrieren fallen. Doch unter vielem anderen hat diese Arbeitserleichterung zur Folge, dass wir viele Fertigkeiten des Kommunizierens weniger üben und damit auch unsere Sinne für die Möglichkeiten sprachlicher Komplexität und kultureller Unterschiede abstumpfen. Um eine Sprache sprechen zu lernen ist eins unerlässlich: Üben!
Von Höflichkeit bis Textsortenkenntnis – Sprachwissen betrifft zahllose Bereiche
Egal welche Lernmethode verfolgt wird: Um Vokabellernen führt kein Weg herum. Dazu kommen Redewendungen, Grammatik und schließlich ein ganzes sprachliches Universum, das es zu entdecken gilt, will man über den 1:1 Transfer einfacher Sätze hinauskommen. Viele Aspekte von Sprache lassen sich nicht intuitiv erfühlen, im Gegenteil – Wissen über Sprache scheint oft der Intuition zu widersprechen, ist komplex und muss über das Studium von wissenschaftlichen Forschungsmethoden, Modellen und Fachvokabular erworben werden. Hier ein Beispiel: Als Studentin begegnete mir zum ersten Mal das Konzept der Selbstwahrnehmung von Sprechenden, das durchaus im Kontrast zu Fremdwahrnehmung stehen kann. Ein Vortrag dazu beeindruckte mich sehr. Es ging um Interviews zu bestimmten Sprachvarianten, die als hässlich oder sogar falsch bezeichnet wurden, wie variable Artikel (der, die oder das Joghurt) oder bestimmte Konstruktionen (die nicht kausale Verwendung von weil vor einem Verb: weil, ich habe Hunger). Die Befragten gaben an, abgelehnte Varianten wegen deren Minderwertigkeit selber niemals zu benutzen. Die Interviews bewiesen aber, dass sie genau dies taten. Das fiel erst beim erneuten Anhören der Gespräche auf. Die Interviewten, die hiermit konfrontiert wurden, waren erstaunt, dass ihnen die abgelehnten Konstruktionen über die Zunge gekommen waren. Eine Person ging so weit, eine Fälschung der Aufnahmen zu vermuten! An diesem Beispiel lernte ich, zwischen Fremd- und Eigenwahrnehmung zu unterscheiden. Und dass wir uns oft gar nicht bewusst sind, was wir sagen und wie. Außerdem begegnete mir das Phänomen, dass unsere Sprache uns sehr wichtig ist und Kritik daran uns verletzt (ganz besonders wenn es um unsere Stimme geht).
Selbst wenn wir eine Sprache kompetent sprechen, wissen wir nicht automatisch, wie Sprachen funktionieren. Auch die Ansichten über die Sprachwissenschaft (und erst recht innerhalb derselben) haben sich historisch entwickelt, so dass es parallel zu den linguistischen Inhalten eine ganze Forschungsgeschichte kennenzulernen gilt.
Die Eingliederung der sprachwissenschaftlichen Forschungsergebnisse in das Allgemeinwissen ist dann nochmal ein ganz anderes Thema. Ein hervorragendes Beispiel ist das Modell der inneren Mehrsprachigkeit des Deutschen von Helmut Henne, das bis heute gilt. Das Modell ist schon 40 Jahre alt – und immer noch besteht in vielen Köpfen das barocke Idealbild einer einheitlichen grundrichtigen Sprache weiter fort! (Hier ein Link zur Untersuchung von Einstellungen zu und Kenntnisse über innersprachliche Variation unter Lehrkräften in Hessen: https://www.sprachspuren.de/sprachvariation-schule/).
Aus: Helmut Henne. 1986. Jugend und ihre Sprache. Darstellung, Materialien, Kritik. Berlin & New York, de Gruyter.
Dass Literaturen an verschiedene Sprachen und Kulturkreise, aber auch an Subkulturen und Bevölkerungsgruppen, gebunden sind, und damit unüberschaubar vielfältig, habe ich selbst erst im Studium verstanden. Erst mit Helmut Henne habe ich gelernt, dass jede Person viele verschiedene Sprachvarianten beherrscht, je nach Anlass und Zuhörerschaft. Dass das Erlernen einer Sprache viel mehr als nur das Auswendiglernen von Wörtern und Satzbauregeln ist, war mir aber schon als Kind klar. Daher meine Faszination an den vielfältigen kulturellen Aspekten von Sprache.
Kulturelles Wissen gehört zur Sprachkompetenz dazu
Bis heute versuche ich, vor Reisen über landesübliche Bräuche, Höflichkeitsregeln und besonders über Tabus Informationen zu sammeln. … man bemerkt schließlich vieles erst, nachdem man es weiß. Und trotz meines lebenslangen Interesses begegne ich immer weiter Konzepten, die mich erstaunen, weil sie mir so fremd sind. Vor einem Aufenthalt in Singapur überraschte es mich zu lernen, dass dort grade jüngere Menschen höflich den als aggressiv empfunden direkten Blickkontakt mit älteren Personen vermeiden. In unserer Kultur wird dies leicht als unaufmerksam, respektlos oder sogar unaufrichtig missdeutet. Und wusstet Ihr, dass in Australien und Ozeanien in manchen Kulturkreisen Fotos von Verstorbenen Tabu sind? Während wir uns gerne mit Hilfe von Fotografien an unsere Verstorbenen erinnern, kann dies bei indigenen Menschen als Respektlosigkeit gesehen werden. Darauf aufmerksam wurde ich durch die Warnung auf einer australischen Zeitschrift: „Vorsicht, diese Zeitschrift enthält Bilder von Verstorbenen!“
Ein ganz anderes Sprachwissen ist das Wissen um den Umgang mit Textsorten und sprachlichen Registern. Hier gilt es zu entscheiden, was gehört in einen bestimmten Text und in welcher Situation passt welche Sprachvariante. Muttersprachlich erwerben wir das fast unbewusst von unserer Familie und dann in der Schule. Beim Fremdsprachenerwerb fehlt diese Dimension aber oft. Dabei kann sich auch die Erwartung an Textsorten kulturell unterscheiden! So kommt es, dass Deutsche im Ausland den Ruf haben, unanhörbare Vorträge zu halten. Sie schreiben für internationale Meetings und Konferenzen hochkomplexe Texte und übersetzen diese 1:1 ins Englische. Solche Vorträge sind gefürchtet, weil sie nicht nur andere ausländische Teilnehmende, sondern selbst muttersprachlich Englisch sprechende Teilnehmende oft überfordern. Schon allein wegen der komplizierten Schriftsprache, die passt gar nicht in einen Vortrag. Aber auch wegen des gesamten Textaufbaus. Zugrunde liegen etwa unterschiedliche Einstellungen zur Verwendung von Beispielen im Englischen (Interesse wecken ist wichtig, Fakten können nachgeliefert werden – es gibt einen Vertrauensvorschuss) und im Deutschen (Wissenschaftlichkeit muss erst nachgewiesen werden – Durchhaltewille darf verlangt werden, Unterhaltsamkeit ist unseriös). Wissen über derartige Unterschiede kommt im Fremdsprachenerwerb zu selten vor. Bei der Nutzung von Übersetzungsprogrammen fehlt den Anwendenden dann eine Sensibilität für kulturelle Verschiebungen und Missverständnisse bleiben dadurch unentdeckt ...
Viele Menschen meinen, Sprachen lassen sich 1:1 übertragen
Trotz meines Wissens über Einstellungen zu Sprache war ich neulich bass erstaunt, als eine Bekannte zu meiner Tätigkeit als Sprachberaterin für Englisch und Deutsch lapidar kommentierte, ihre Kinder (beide erfolgreich in hochqualifizierten Berufen) „könnten“ selber Englisch und bräuchten deshalb natürlich keinen Coach. – Eine verblüffende Aussage von einer selbst hochqualifizierten Person, denn grade für Profis ist Feedback doch unentbehrlich.
Ob diese Kinder tatsächlich alle beide ein perfektes Gehör für Sprachen haben, Sprachregeln mühelos und blitzschnell in sich aufsaugen, Literatur und deren Theorie nebenbei verschlingen (Personen ohne Nachtschlafbedarf) und gleichzeitig hochsensibel für kulturelle Unterschiede sind? Menschen, die in jedem Kontext – auch im fremdsprachlichen – die perfekten Worte finden? Vermutlich eben nicht. – Vielmehr war dies eher ein Beispiel für elterlichen Dunning-Kruger-Effekt, also die überschätzende Bewertung der Fähigkeiten eigener Sprösslinge. Nur mühsam verkniff ich mir die Bemerkung, dass schon in der eigenen Sprache schlecht kommunizierende Fachidioten zu oft bemühten Stereotypen gehören und dass sich dies Phänomen bei schlechtem Sprach- und Kulturtransfer in andere Sprachen nur noch verstärkt. Bei der Internetsuche nach einem lustigen Beispiel fand ich diesen Text aus meiner Schulzeit wieder. Es ist die wortwörtliche Übersetzung einer hochidiomatischen Unterhaltung von zwei Deutschen im Ausland.
“Two men heavy on wire.” - “Zwei Männer schwer auf Draht.” (anonym). Fundort: http://www.schaefersbernd.de/stranger.html (07.03.2026)
Linguistik ist als Fachdisziplin weitgehend unbekannt
Das erwähnte Gespräch zeigte mir mal wieder, dass wir in der Linguistik einfach viel zu wenig über unsere Arbeit mitteilen. Wie viele andere Wissenschaften auch sind wir PR-Muffel und genießen als relativ junge Disziplin nicht den Prestigebonus, den traditionsreiche Disziplinen verbuchen können. Dabei profitiert grade die Werbung von unserer Forschung! Aber unser Wissen wenden wir auf uns selber nicht an ...
Die Sprachwissenschaft untersucht so diverse sprachliche Aspekte wie Sprachorgane, Klang, Artikulationsmöglichkeiten, Sprachstrukturen, die bereits erwähnten Textsorten und Register, das Verhältnis von Gesagtem zu Verstandenem, den Spracherwerb, Mehrsprachigkeit und so weiter und so fort. Oft arbeitet sie in enger Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen, etwa Geschichte, Psychologie, Medizin, Philosophie, Informatik, Medienwissenschaft und nicht zu vergessen unserer Urahnin der Theologie.
Linguistische Forschung leistet damit wichtige Beiträge – nicht zuletzt zu unserem Weltverständnis. Aber diese Beiträge bleiben oft unsichtbar und Sprachwissen gilt als trivial. Als Folge gehen viele davon aus, alles über Sprache zu wissen, alleine weil sie sprechen. Dumme Frage, aber: Würdet Ihr eine Herzoperation durchführen, weil Ihr selber eins habt?
Kommunikation in einer Fremdsprache profitiert von kulturellem Kontextwissen
Viele Wörter und Ausdrücke gelernt zu haben, bedeutet also noch lange nicht, sich reibungslos in einem Sprachraum bewegen und kulturelle Fettnäpfchen umschiffen zu können. – Was habt Ihr z.B. im Kopf, wenn Ihr von einer britischen Person mit den Worten „come for tea“ eingeladen werdet? An welche Uhrzeit denkt Ihr? Und was für eine Art der Einladung ist das? – Genau, das hängt davon ab, in welchen Kreisen Ihr Euch bewegt und in welcher Region Ihr seid – es kann sich um die Einladung zu einer nachmittäglichen Tasse Tee mit Gebäck oder zu einem Abendessen handeln.
Und wüsstet Ihr, dass „you’ll have had your tea“ eine altmodisch-formelle aber recht brüske Art ist mitzuteilen, gastronomische Versorgung sei beim vorliegenden kommunikativen Austausch nicht vorgesehen (also „erwarte bloß nicht, dass es etwas zu essen gibt.“)? Und wer hat selber schon einmal unangemeldet amerikanische Freunde besucht, um peinlich berührt zu erfahren „come visit!“ heißt gar nicht, man soll doch einfach mal spontan vorbeikommen? Ohne Erklärung des Kontexts können wir manchen Kulturtransfer nicht alleine leisten.
So bot mir vor fast vierzig Jahren der Vater einer chinesischen Freundin ein Glas Rotwein an. Er hatte im Fernsehen gesehen, dass Wein zur westlichen Kultur gehört und sich eine Flasche trockenen französischen Rotwein gekauft. Schon allein der Korken hatte ihn erstaunt und er hatte sich fast verletzt, als er ihn mit einem Schraubenzieher in die Flasche drückte. Dabei war der Wein herausgespritzt und hatte eine riesige Schweinerei verursacht. Geschmeckt hatte ihm das saure Getränk auch nicht, weswegen er den Wein samt darin schwimmender Korkenstückchen einfach in einen Küchenschrank gestellt hatte. Als ich Monate später in dessen Genuss kam, war er bereits Essig und mir das Ganze schrecklich peinlich. Mit der an den Tag gelegten kulturellen Inkompetenz war ich überfordert, weil ich selber meinerseits vom Fehlen mir bekannten Essbestecks und der Anwesenheit von räucherstäbchen-umdunsteten Hausgöttern komplett überwältigt war. – Habt Ihr Ähnliches erlebt? Schreibt mir gerne Eure eigenen Erfahrungen mit kulturellen Missverständnissen!
Wie gesagt, wir sehen nur, was wir kennen. In meinem Coaching ist mir immer deshalb wichtig, kulturelle Eigenheiten zu erklären und Verständnis für die damit zusammenhängenden Unterschiede zu wecken. Wer beim Spracherwerb über einen gewissen Punkt hinauskommen will, muss sich in die Zielkultur einarbeiten. Hinter vordergründig Befremdlichem steckt oft viel Wissenswertes, nicht zuletzt über die eigene Kultur. Natürlich gibt es unendlich viele Bereiche und dazugehörige sprachliche Untereinheiten, so dass es sinnvoll ist, sich auf die Gebiete zu beschränken, die einen beruflich oder privat berühren. Fachvokabular zum Aufbau einer Kirchenorgel oder zur Feinelektronik kennen ja auch nur wenige interessierte Menschen in ihrer Muttersprache.
Fehler zu machen lässt sich bei so viel Komplexität nicht vermeiden und Lernende brauchen hier ein gewisses Maß an Resilienz. Gerade bin ich einer Kollegin begegnet, die dazu rät, regelmäßig mit Absicht Fehler in der Fremdsprache zu machen. Nur zur Übung und Bewusstseinsschulung (stimmt, die Erde bebt nicht und manchmal entstehen hieraus interessante Gespräche). Ich selber habe meinen Studierenden in Seminaren über Sprachnormen immer wieder die Übung gegeben, eine E-Mail oder einen Brief mit Rechtschreibfehlern zu versenden. Probiert das mal! Echt. Ihr dürft das: Normen gelten schließlich nur für den öffentlichen Schriftverkehr – privat dürft Ihr schreiben wie Ihr wollt! Der spanische Autor Juan Ramón Jiménez (1881–1958) verwendete beispielsweise seine ganz persönliche Rechtschreibung – und bekam trotzdem den Literaturnobelpreis.
Ergänzend hierzu ist es eine wichtige Kompetenz, auf die mit zunehmendem Wissen wachsende sprachliche Intuition zu hören und bei Zweifeln einfach mal nachzufragen. Wie Ihr das im Deutschen auch tun würdet. Weil vom bloßen Zusehen nicht ersichtlich ist, wie etwas schmeckt oder sich anfühlt und in welcher Tradition es zu sehen ist. Und weil auch für muttersprachlich Englisch sprechende nicht immer und überall klar ist, ob mit „why don’t you come for tea“ die Einladung zu einem herzhaften Abendessen oder auf eine nachmittägliche Tasse Tee mit etwas Gebäck gemeint ist. Das kommt eben ganz darauf an.
Bloß eine Tasse Tee und ein (großer!) Keks …
Zum Abschluss: Schneller Sprachtest zur britischen Kultur
Wenn Ihr Lust habt, einen winzigen Test über Euer Kultur- und Sprachwissen zu machen, oder wenn Ihr diesen Test im Unterricht verwenden möchtet, klickt auf den Link. In der englischen Version dieses Beitrages findet Ihr außerdem ein Quiz über Deutsche Sprache und Kultur.
Ich habe mir Mühe gegeben, lebensnahe Beispiele zu finden und gleichzeitig etwas zum Knobeln anzubieten!
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Witze und Wortspiele können für Lernende einer Fremdsprache eine Herausforderung darstellen. Dies stammt aus einem englischen Christmas Cracker. Das Wortspiel bezieht sich auf “show and tell”. Kinder dürfen etwas in die Schule mitbringen und darüber erzählen. Eltern schwitzen Blut und Wasser, wenn es sich um zerbrechliche, unersetzliche, schwer zu transportierende Gegenstände handelt!
